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Erdrotation – Das Schließen des Unbewussten
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Terrorismus-Theologumena / On Terror. Proto-Pathognostisches

Rudolf Heinz / Henri Berners / Ulrich Hermanns

Rudolf Heinz

TERRORISMUS-THEOLOGUMENA 

In häretisch christlichem Verstande – memo: Papst Paul II, der den, der ihn zu ermorden vorhatte, im Gefängnis heimsuchte; was mir, vergleichbar, aus vielerlei Gründen, ja nicht vergönnt sein kann –, also in häretisch christlichem Sinne, stimme ich, rein im Geiste, ein Requiem für die erschossenen, die toten drei Terroristen an, ein Requiem, bitte. Womit ich, sie, die Elenden – es ist aber zu spät – wachrütteln möchte aus der Gefangenschaft ihres tagesversetzten mörderischen Tiefschlafs in den kompassionell geöffneten Blick auf sich selbst und die Anderen Alle.

Für uns hier gebe ich der ausgesetzten Nänie nun harsche Erwägungen bei, deren Inhalte ich mitnichten moralistisch schelte – das wäre ein Missverständnis –, die ich vielmehr, überwertigerweise, als ubiquitäre Erscheinungen unabkömmlicher menschlicher Misere ansehe.

Also die – unausgeführten – Konsiderationen:

- Wenn sich der Solidaritätsrausch der Freiheitsreklamationen verzogen hat, werden sich, gar a fortiori, die alten, passager manisch plattgemachten axiologischen Differenzen wiedereinstellen.

- Die exklusive Kaprizierung auf Freiheit macht die wohlfeilste aller Wertoptionen aus.

- „Fraternité“ – einhaken und (wörtlich) ko-itieren bitte! – ja, wo aber bleibt das „en sœur“? Auch singe man dazu: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit …“ (Nein: „Schwestern, zum Monde, zur Knechtschaft …“), nicht aber ohne Platons „Höhlengleichnis“ einzusehen.

- Die – wie immer diffus visuell dominierte – mediale Erfassung der überquellenden Protestpublizitäten – Repetition dabei: die imaginäre Verewigung hinfälliger Fakten – unterliegt dem globalen Phantasma deren Inregienahme, ja genuiner Generierung, und, zumal, abhebender Generalexkulpation.

- In diesem Kontext überaus obszön die üppige Prostitution der überlebenden (nicht eben erleuchteten) Charlie-Karikaturisten – noch eine weitere Million verkaufter Mohammedwitzbilder obenauf! Und obszöner noch das Anstimmen der Marseillaise bei Protestmärschen in Frankreich, der blutrünstigsten aller Nationalhymnen – lesen Sie einmal deren Text daraufhin nach, auf daß, fortgesetzt, die Köpfe rollen; und verschlucken Sie sich bitte beim Aussprechen des mörderischsten Grundwerts, des Menschenrechts „Gleichheit“; und erübrigen Sie den mystifizierenden Kitsch der „Brüderlichkeit“, aude dazu die Schillersche/Beethovensche Europahymne, Peinlichkeit sondersgleichen. Es sollte uns zum Heulen zumute sein, wohin wir kommen müßten? Gnadenlos: nein!

- Nein! Nachgerade sind wir dazu verurteilt, im subsistentiell erpreßten Parieren der terroristischen Greuel den Teufel mit sich selbst, höchstens gewaltepikalyptisch sublimer, auszutreiben.

- Nichts sofort gegen die Terroristen/den Terrorismus betreffende ätiologische Recherchen, seien sie individualgeschichtlich psychoanalytischer Observanz, oder, überfälliger noch, grosso modo auf den unbeliebten Spuren der „Sünden der Väter“, dem Imperialismus, mit seinen sich verlierend späteren unliebsamen Rachenachwehen seiner Opfer.

- Allein, all diese Aufschlußwege begrenzen sich in der synchronen Klammer des „Todestriebs“, in sich aufzehrend alle Einzelkausalitäten zum alldeterminierend freigegebenen Totum immer irrig todesmimetischer Gewaltsamkeiten – wäre ich der Tod – was ich mir, gewalttätig tätig, eh einbilde –, so wäre ich des Grundübels meiner Sterblichkeit, einschließlich aller Mängelableitung davon, endgültig ledig. Menschheitlicher Bann, der, in aller Besinnungsferne, über den Terrorismus, allen Terrorismus, auch über unseren kapitalistischen, verhängt erscheint; paranoisches Unmaß, ohn Entrinnen, bloß in den (Schein)kontingenzen gnädiger Rückzüge tückischen Frieden toxikomanisch vorspiegelnd.

Uneinläßlich auf solche Art von Erpressung, meide ich zum Abschied die nichtssagend allgeläufige Abschwörungsfloskel, daß ich, selbstverständlich, allen Terrorismus, sprich: immer projektionsbeflissen den der Gegenseite, verurteile. Und füge bösartig hinzu, daß jegliches politisches Kollektivgebilde denjenigen Terrorismus birgt, den es von sich her verdient. Nein, ich komme, final, nun doch nicht umhin, einen einschlägigen Teil der kathologiscben Totenliturgie zu verlauten:

Zum Paradiese mögen Engel dich geleiten,
bei deiner Ankunft Märtyrer dich begrüßen,
und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.
Chöre der Engel mögen dich empfangen,
und mit Lazarus, dem einst so armen,
soll ewige Ruhe dich erfreuen.

Rudolf Heinz
Januar 2015

PS. Bitte, mögen Sie meine Terrorismus-Theologumena – auch – als eine instruktive Schleife ansehen, unser ursprüngliches Thema, den intellektuellen wie affektiven Nachvollzug des Terrors von/die Angst vor Stühlen, zu promovieren. Und schämen wir uns nicht der Liebe zur Polizei in lebensbedrohlichen Krisenzeiten. Und stehen wir doch zu aller verpönten „Kritik ohne Alternative“, mitsamt deren sich gegen dessen Selbstdementi behauptenden superioren, gar prophetischen, Moralismus? „Mister Todestrieb“, das war mein Spitzname in der Klinik, eher liebevoll denn schmähend?

 

Ulrich Hermanns, Henri Berners

On Terror. Proto-Pathognostisches.

Situatives Statement[1] zur Sitzung der Assoziation Pathognostik 2014 vom 24. Januar 2015 zum aktuell geänderten Thema: Terrorismus – Polit-pathognostische Perspektiven.
Mit dem integrierten Beitrag von Henri Berners: Game over???.

I. Einblicke über den Umweg Kenia.

Mit dem ostafrikanischen Land bin ich seit dem Jahr 2005 leidlich vertraut. Eine ‚verrückte Geschichte‘[2] hat mir eigenwillige Einblicke in soziale und kulturelle Situationen an der Ostküste ermöglicht. Hierunter fallen auch erkennbare Verwerfungen, die bis in die Zeit der Sklavenzüge und des Kolonialismus zurückreichen.[3] Solche Einblicke stellen sich vorwiegend in der Form von Resonanzen[4] dar.[5]

Spuren der Verwerfungen finden sich bei genauem Hinschauen bis heute. Die Folgen sind, dass auf der Basis schwacher staatlicher Institutionen[6] weiten Teilen der Bevölkerung Chancen auf eine faire Entwicklung vorenthalten werden, dass Korruption bis in das Alltagsleben hinein blüht und manifeste Terrorakte allein im vergangenen Jahr rund zweihundert Todesopfer[7] gefordert haben.

Reisewarnungen verschiedener Länder[8], haben zum rapiden Einbruch der Einnahmen aus dem für weite Teile des Landes so essenziellen Tourismus geführt. Er lässt aktuell viele tausend Menschen nicht wissen, wovon der Lebensunterhalt in den kommenden Monaten bestritten werden soll. ‚Kenya suffers‘ – das ist die traurige Beschreibung, die vielfach zu hören ist.

Im Nachbarland Somalia agiert die Terrororganisation Al-Shabaab[9]. Sie hat leichtes Spiel in der Rekrutierung junger Terrorunterstützer. Umso mehr, als Flüchtlinge aus Somalia in Kenia größtenteils unerwünscht sind, gar verfolgt werden, so zu Ostern 2014 in konzertierter Aktion.[10]

Die Flüchtlingslager an der kenianisch-soma­lischen Grenze zählen zu den größten der Welt, allein im Camp Dadaab leben über 350.000 Menschen. Sie sind Vertriebene des immer noch aktuellen Bürgerkriegs in Somalia[11]. Bilder des  Flüchtlingselends sind aufmerksamkeitsstarke Anker für werbefinanzierte Medien, mediale Währung der Ästhetik des Elends.[12]

Seit spätestens dem Sommer 2014 ist klar, dass sich die zentrale Terrorgruppierung Somalias für politische Auseinandersetzungen in Kenia instrumentalisieren lässt.[13]

Terror und dessen Auswirkungen habe ich erstmals Ende 2007 im Zuge der Präsidentschafts-, Parlaments- und Regionalregierungswahlen vor der Haustür erlebt. Die Stimmenauszählung für das höchste Amt wurde abrupt gestoppt, als erkennbar wurde, dass der Herausforderer, Raila Odinga, weit vor dem Amtsinhaber, Mwai Kibaki landen würde. Nach Fortsetzung der Auszählung zeigte sich ein abrupter Stimmenzuwachs für Kibaki. Am 30. Dezember 2007 ließ er sich zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklären.

Bereits zuvor war es zu Auseinandersetzungen gekommen, besonders zwischen Ethnien, die den jeweiligen Kandidaten nahestanden, darunter Kikuyu, Luo und Kalenjin.[14] Die Auseinandersetzungen wurden von politischen Vertretern durch Geldzahlungen (500 Kenya Shillings, etwa fünf Euro)[15] und Waffenlieferungen an junge Kämpfer angeheizt. Konkret wurden weit über eintausend Menschen grausam getötet und hunderttausende vertrieben.[16]

Fernsehaufnahmen der Aufstände und Plünderungen wurden u.a. von einem deutschen Kamerateam cool und professionell realisiert. Die Satellitenstation für Übertragungen aus der Küstenregion übermittelte das Rohmaterial nach Hamburg, bevor es dramatisch aufbereitet auf die deutschen TV-Screens gesendet wurde.[17] Dass die Mitarbeiter seelenruhig abends an der Hotelbar telefonierten braucht nicht besonders erwähnt zu werden, Business as usual.

Solche Bilder – nur fotografische kommen noch in Betracht – lese ich seitdem aus der Perspektive der Fotografen. Timing, Ausschnitt, Dramaturgie  – sie geben den rational agierenden Warenproduzenten bei der Arbeit zu erkennen. Bildagenturen wie AP, Getty, DPA und AFP haben sich bereits jetzt alle verfügbaren Bilder sämtlicher je möglicher Katastrophen, kriegerischer wie naturkräftebedingter, vertraglich gesichert. Kontinuum des visuellen Grauens.

Wegen Mordes, Vertreibung und Verfolgung im Zusammenhang mit den Post Election Riots 2007/2008 steht u.a. der Vizepräsident, William Ruto, vor dem Internationalen Strafgerichtshof, ebenso ein Radiojournalist namens Joshua Sang[18]. Der Fall des Präsidenten, Uhuru Kenyatta, ist ausgesetzt. Zeugen zogen ihre Aussagen – unter Druck und Bestechung – zurück. Ein kurzzeitig entführter, allerdings wegen Verstrickungen abgelehnter Zeuge gegen Ruto wurde Ende Dezember mit eingeschlagenem Schädel im Westen des Landes wieder aufgefunden.[19]

Fast wöchentlich kommt es derzeit zu Angriffen auf Zivilisten, Polizisten und religiöse Führer, darunter auch zum Jihad aufrufende. Schwere Terrorakte richteten sich in den vergangenen Jahren beispielsweise gegen ein Einkaufszentrum, einen besetzten Kleinbus, einen besetzten Überlandbus, ein Arbeitercamp in einem Steinbruch, das Dorf Mpeketoni, eine Ortschaft an der nördlichen Küste. Zahlreiche Einzelattacken kommen hinzu.[20]

Die Geschichte des Terrors in Kenia ist mit den Provokationen ‚der USA‘ durch Al Kaida eng verbunden. Die Bombenanschläge auf die  US-Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salaam (Tansania) 1998 mit tausenden von Verletzten und hunderten Toten waren substanzielle Auslöser der späteren, weltweiten Eskalation. [21] Ausführungen hierzu würden den Rahmen sprengen.

Abgeleitet: Einige situative Einsichten

Soziales. Nicht nur in Kenia haben terroristische Aktivitäten mehr als die unmittelbar manifesten Opfer zur Folge. Eingebunden in Strategien ist Terror in der Lage, staatliche Ordnungen zu subvertieren, die Lebensbedingungen der Menschen zu erschüttern und Elend stattdessen sozial zu verankern.[22] Auf dieser Grundlage entstehen Elendswirtschaften[23], einschließlich der globalen Verwertung der Berichterstattung, insbesondere der Bilder.

Erzählerisches. Synchrone Beschreibungen von Empirie zu Terror und Bürgerkriegsgewalt werden von erzählerischen Versuchen der dichten Aufbereitung von Zusammenhängen ergänzt. Bezogen auf einen Aspekt der Vorstufe des somalischen Bürgerkriegs ist das beispielsweise der Roman von Nadifa Mohamed, The Orchard of Lost Souls.[24] Es geht sich unter anderem um die Rollen von Weiblichkeit, deren Verdrängung und Aufhebung (Täterin und Opfer), die gleichwohl Gewalt auf den Plan zu rufen nicht umhin kann.[25]
Die Kontrastierung literarischer Gattungen (Empirie vs. Fiktion) erlaubt eine Relativierung der Positionen, auf deren Grundlagen Urteile erfolgen. Siehe die lacanschen Diskurs-Matheme.[26]

Kriegspsychiatrisches. Die Journalsitin Bettina Rühl schildert anlässlich eines Besuchs im Flüchtlingslager Dadaab einen Jungen namens Abdibaschir, heute etwa zwölf Jahre alt, der sich zu sprechen weigert und nahezu dauerhaft erstarrt ist. Zweieinhalb Jahre bevor er 2012 ins Lager kam, war beim Mittagessen eine Bombe eingeschlagen, die Vater und Bruder töte.

Ein Arzt im Lager beschreibt: ‚He got some cut, some bruises on the hand, was injured and he has some disability on his hand. When he came around 2 ½ years ago, we started him on some bit of medication, because he was very jumpy, he could not sleep, he had his flashbacks, he could scream at night and such things. And he relatively showed some good improvement until about December 2012 when there was a blast in Dagahaley market, where they live nearby. Since then, he has never spoken anything. He’s just very quiet.‘

Es ist offensichtlich, dass sich im Trauma Abdibashirs Gesellschaftliches reflektiert. Das subjektive Leid das ihm anhaftet, die emotionale und leibliche Starre, versucht, die erlittene und herrschende Gewalt um ihn herum am eigenen Körper abzubüßen.

Frantz Fanon hat am Ende seines Essay ‚Les Damnés de la Terre’ zahlreiche Deutungen von Symptomen im Zusammenhang mit Bürgerkriegen gegeben. Sie blieben, wohl wegen der politischen Brisanz seiner Theoreme, geradezu unre­zi­piert.[27]

Medizinisches. Die Versorgung der Opfer in solchem Umfeld ist in keiner Weise gewährleistet. Im Fall Abdibaschirs ist die Suche nach ihm noch im Gang.
N.b.: Wie beispielsweise der Umgang mit anderen Opfern, beispielsweise Kindersoldaten und erbeuteten Mädchen und Frauen ist, hat Hawa Noor Mohamed, virtuelle Mitstreiterin der Assoziation in Nairobi, aus eigener Erfahrung berichtet.[28]

Signifikantenlogik. Die allfällige Verwendung von Opferbildern in gewerblichen medialen Kontexten zeigt, wie leicht Signifikate – die konkreten Schicksale gewaltsam Dahingeschiedener – in unreflektierten Diskursen zu leeren Signifikanten werden können. Pure Oberfläche – ob es sich um die Bilder der bei Lampedusa im Oktober 2013 angeschwemmten, auf ihrer Flucht Ertrunkenen handelt oder um Kinder in Flüchtlingscamps, die als visuelle Trigger instrumentalisiert werden – ungeachtet des Rechts am eigenen Bild[29].

Gewissermaßen übernehmen die Signifikanten in ihrer machtvollen Ökonomie die Stellvertretung der Signifikate.[30]

Diskurse. Für die Umgangsform weiterer pathognostischer Terrorexplikationen ist entscheidend, von welcher Warte und mit welchem Grad von Einbindung oder Distanz sie erfolgt.[31] Wir können solche Einsichten nicht von unserem sie machenden Selbst trennen.

II. Der Sensenmann tanzt im Wohnzimmer – hinter sicherem Glas.

Situative Einsichten, Fortsetzung

Inszenatorische Rezeption. Zu den ganz aktuellen Anschlägen in Paris und ihrer medialen Inszenierung eine ungefilterte Ausführung von Henri Berners vom 10. Januar 2015[32]:

Game Over???

Es lief doch wie am Schnürchen, gestern. Fantastisches Timing. Show Down oder Shot Down bei einsetzender Dämmerung, damit man die Blitze deutlich sieht, Stellvertretungsbilder für den Zugriff, die aber immerhin das tödliche Finale ankündigen, wie Theaterdonner, die Ouvertüre. Außerdem bewirken sie mit ihrer hochfrequenten Hell-Dunkel-Taktung die optischen Effekte von Diskolampen. Den Sound liefern Schüsse in Salven.

Dämmerung hat auch was von Büchsenlicht und symbolisiert den heroischen Untergang. Dazu top synchronisiert, weil nahtlos zeitversetzt auf beiden Bühnen, vor allem kurz vor Primetime, sodass der Fernsehabend viel Spannung versprach, aber schon entspannt nach der ersten Katharsis, da ja alle neutralisiert, die Gefahr gebannt.

Zum TV-Genuss dann die aufbereiteten Bilder, mit Slowmotion, Zoomeffekten, in ständiger Wiederholung, kommentiert natürlich, bis sich das Geschehen ins Gedächtnis eingebrannt hatte. Garniert mit Laufzeilen in mehreren Ebenen, die zusätzliche stumme Versorgung mit Informationen in Schrift, zeitgleich zum kommentierten Geschehen, das die Bilder liefern, aber nicht in Synchronie mit den Bildinhalten. Frame-Technik wie in Musikclips.

Des weiteren, Freitagabend, Auftakt zum Wochenende, länger am Bildschirm aufbleiben können.

Und dieses Joint-Venture zwischen den Fernregisseuren des Spektakels im Jemen und den Fernsehregisseuren von United Television of Europe and the US. Man muss nicht mehr in Türme fliegen, um Aufmerksamkeit zu bewirken. Dieser Plot reicht für den Kick aus. Das Drehbuch wurde im Jemen geschrieben, beim Casting wurden die Brüder rekrutiert, der eine zumindest erhielt im Camp Schauspielunterricht bis zur Bühnenreife, weil im Gegensatz zu Sprengstoffattentaten oder 9/11, da sind die Protagonisten unsichtbar, bei dieser Inszenierung der muslimische Rächer des Propheten ins Bild gerückt. Das muss schon professionell rüberkommen. Bella figura ist da Pflicht. Es sind ja nur wenige Bilder, von Überwachungskameras aufgenommen, aber die müssen sitzen, weil es nur ein Take gibt, sagt der Fernregisseur beim Rollenspiel im Camp in Jemen.

Die Jungs werden nach Hause geschickt, bis die Order kommt. Sie sind so trainiert, gedrillt, konditioniert, programmiert und brainwashed worden, dass sie wie Automaten reagieren. Es sind Killer-Maschinen, wie in Computerspielen. Sie sind willfährige Opfer ihrer Meister und Lehrer im Jemen, Syrien, Pakistan, Nigeria, Mali und so fort. Bauernopfer. Ob sie an die Prämie glauben, den Bonus für Märtyrer, Sonnendeck in der Pool-Area mit geilen Partygirls?

Wir wissen nicht, wann und wo das nächste Game startet. Die Storyboards sind sicher schon geschrieben, die Akteure auch auf der Payroll. Hollywood muss um seine Existenz fürchten. Brad Pitt sieht verdammt gut aus, auch als Panzerkommandeur. Aber ein Said Kouachie verspricht Authentizität in diesem Spektakel, vor allem ECHTZEIT.

Auch das ist ja Delirium.

Siebzehn Menschen haben mit ihrem Leben für einen Show Down büßen müssen, der nur den Sinn hat, dem Westen die Stirn zu bieten, zu zeigen, wie man den Westen treffen kann, wie verwundbar der Westen ist. Dschihad ist ein im Koran verbrieftes Recht, ja die Pflicht, die Ungläubigen zu töten. Anstrengung auf dem Wege Gottes, heißt das.

- Ende von Henri Berners, Game over ??? -

Desiderat. Außen vor bleiben hier die weitere Beleuchtung religiöser und rassistischer[33] Aspekte sowie deren Instrumentalisierung.

Mille Plateaux. Aus den angerissenen Aspekten ergeben sich schwer nur beherrschbare Konse­quenzen hinsichtlich eines Gesamtverständnisses – eines maximal proto-pathogno­stischen hier  – und auch der unvermeidbaren Handelns­konse­quen­zen. Nur grob öffneten sich folgende Un- und Abgründe:

- Aktuelle Situationsskizzen empirischer Art, beispielsweise die mediale Berichterstattung

- Institutionen, an denen sich Geschehen kristallisiert, etwa das Flüchtlingscamp Dadaab und die Ströme von Flüchtlingen (allerorten).

- Zentrale Bausteine der Institutionen – Bürgerkriege, seine Auswirkungen auf die menschlichen Schicksale und Konstitutionen (ähnlich, in anderem Zusammenhang, Naturkatastrophen). Geschichte, Soziologie, Politik.

- Hilfsangebote, die sich aus der Kenntnis der Situation ergeben. Wohltätigkeit.

- Die Notwendigkeit, irgend zu Interventionen zu kommen, mit Autoritäten in Kontakt zu treten, um schreiendes Unrecht (Abdibashir) zu korrigieren. Völkerrecht, Administration.

- Ausgleiche schaffen für die grausamen Schicksale aufgrund der diachronen und synchronen Verwerfungen. Ethik, Moral.

- Einen Ansatz angemessener Erzählbarkeit verfolgen, beispielsweise wie der Roman von Nadifa Mohamed. Literatur.

- Reflexionen zum Umgang der Medien mit der ‚Ästhetik des Elends‘, einem Mix aus Ästhetik, psychologischen und marktwirtschaftlichen Faktoren, dessen Resultat auch ‚Poverty Pornography‘ genannt wird. Medienkritik.

- Anti-psychoanalytische Perspektiven zu mentalen Ausfallstellen, wie dem subjektiven Abbüßen kollektiver Schuldblöcke. Medizin, Psychologie, Ethik.

- Der Umgang mit Echos, die als interkulturelle Resonanzen wahrnehmbar und vermittelbar sind.[34] Literatur- und Texttheorie, Strukturale Psychoanalyse.

-  Ist das singulär quittierbar? Pathognostik und polit-pathognostische Perspektiven.


Ulrich Hermanns / Henri Berners

Januar 2015


[1] Ohne Anmerkungen und leicht gekürzt vorgetragen.

[2] Charakterisierung von Peter Widmer 2014.

[3] Vgl. Nathan Nunn, The long-term effects of Africa’s slave trades, in: The quarterly journal of economics, ed. by the President and Fellows of Harvard College and the Massachussetts Institute of Technology, Feb 2088, 139 – 176.

[4] Deleuze / Guattari, Anti-Ödipus, ‘Zweite Funktion der Familie … Kauft Madelaines von Combray, damit euch Resonanzen kommen.‘ 162.

[5] Sie sind eine Folge von Distanzen, insbesondere der zwischen Wahrnehmung und Bedeutung.

[6] Ein zentraler, generalisierter Kritikpunkt aus Sicht der USA an die Staaten Afrikas.

[7] Umfangreiche Statistiken zu bewaffneten Konflikten können von der Website des ‚Armed Conflict Location and Event Data Project‘ abgerufen werden: http://www.acleddata.com/data/ (abgerufen 18. Jan. 2015). Das Projekt zeigt auch, wie sehr Empirie in die Erforschung manifester Gewalt bewaffneter Krisen vorgedrungen ist.

[8] Wie der USA und UK Mitte 2014.

[9] Sie ging 2006 aus einer im Somalischen Bürgerkrieg gegen nicht zuletzt äthiopische Truppen unterlegenen, fundamentalistisch sich auf den Islam berufenden, die Schari’a praktizierenden, Gruppierung hervor.

[10] Offizielle Statements zu Angriffen auf somalische Flüchtlinge existieren seit spätestens 2012: http://www.standardmedia.co.ke/article/2000075646/groups-decry-rise-in-refugee-attacks?searchtext=refugees&searchbutton=SEARCH (abgerufen 18. Januar 2015).

[11] Spätestens seit dem Sturz des Diktators Barré 1991 als solcher qualifizierbar.

[12] So die Aufnahmen von Rebecca Blackwell für AP/The Telegraph im Juli 2011. Unter anderem von dem abge­magerten Jungen namens Aden Salaad, damals zwei Jahre alt.
Kommentar der Assistentin (D. Tabbert) der Chefredaktion bei Spiegel Online auf unsere Kritik, neben den Bildern u.a. von Aden Salaad Werbebanner zu platzieren: ‚Erfahrungsgemäß bitten z.B. hungernde Menschen in Flüchtlingslagern regelmäßig ausdrücklich darum, fotografiert zu werden und drängen sich vor die Kamera, weil sie so eine Mög­lichkeit sehen, ihr Leid für die Weltöffentlichkeit dokumentiert zu sehen. Um Geld geht es da gar nicht direkt‘ (Per E-Mail, 21.7.2011).
Zynisch ihr angebliches Wissen darüber, mit welcher Intention der kleine Aden ‚sich ins Bild gedrängt‘ hat. Diese Situation ist zentraler Ankerpunkt weiterer Erörterungen unter dem Namen ‚Esthetics of misery‘ (unveröffentlicht).

[13] Ihre Verflechtung mit Teilen von Polizei und Armee Kenias, die im Rahmen der Mission der Afrikanischen Union (AMISOM) den Terror im Nachbarland Somalia bekämpfen soll – im Rahmen des ‚War on Terror‘ –, sind erwiesen. Dazu zählt die Unterstützung beim Schmuggel feiner Holzkohle für Wasserpfeifen, der jährlich Dutzende von Millionen Dollar einbringt und für Bestechungen und die Finanzierung von Al Shabaab-Aktivitäten verfügbar ist. Das Massaker von Mpeketoni im Juni 2014, bei dem ökonomische, ethnische und politische Interessen sich der Terrormilizen bedienten, kostete mehr als 60 Menschen das Leben. Quelle: zahlreiche Onlineberichte u.a. auf ‚Standard Digital‘– http://www.standardmedia.co.ke/.

[14] Kenia hat etwa 42 Ethnien.

[15] Quelle: Schilderungen vor Ort.

[16] Die Farm einer befreundeten Familie wurde von Nachbarn geplündert und niedergebrannt, die über Jahrzehnte Freunde zu sein schienen und nicht nur vom agrarischen Überschuss altruistisch profitierten. An anderer Stelle ist die Farm wiedererrichtet, sie ist von einer dicken Mauer umgeben.

[17] Das System stand Im Garten unseres im Januar 2008 frequentierten Hotels an der Ostküste.

[18] Die frühere Rolle der Radiomedien im Genozid an den Tutsi in Ruanda 1994 dürfte bekannt sein. Dazu auch das Radiofeature ‚Hate Radio. ‘Radio-Télévision Libre des Mille-Collines’ und der Genozid in Ruanda‘ von Milo Rau (2012).
http://www.deutschlandfunk.de/hate-radio-ruanda-feature-21-2.media.1fd6aeacde9ba1c6391dd2a69da5aaaa.pdf (Abgerufen 18. Januar 2015).

[19] Meshack Yebei – Quelle: http://www.standardmedia.co.ke/article/2000147319/icc-disowns-killed-ruto-witness (Abgerufen 18. Januar 2015).

[20] Quelle: Diverse Presseberichte in Onlinemedien, Zeugenberichte.

[21] Das Quellenstudium würde eine eigenständige Arbeit darstellen.

[22] Wie sehr regionale Terroraktivitäten in makropolitische Strategieüberlegungen mächtiger Staaten eingebunden sind, kann hier nur erahnt werden. Ebenso die Verknüpfungen mit dem Waffenhandel und -schmuggel sowie anderen makroökonomischen Entwicklungen wie Drogen- und Menschenschmuggel.

[23] Bettina Rühl, Dadaab. Anatomie einer Lagergesellschaft in Kenia. Sendung des Deutschlandfunks, 7. Oktober 2014.

[24] Nadifa Mohamed, The Orchard of Lost Souls. 2013 Simon & Schuster.

[25] Der Radiovortrag einer simultan übersetzten fiktiven Szene zum Schicksal eines neunjährigen Mädchens in der somalischen Stadt Hargeissa 1988 brachte den Versuch des klassischen, literaturtheoretischen Diskurses für einen Moment ins Wanken – dem Moderator versagte angesichts der im technischen Medium realisierten Weiblichkeitspräsenz schlicht kurz die Sprache. Sendung einer Aufzeichnung aus dem Literarischen Colloquium Berlin im Deutschlandfunk am 22. Februar 2014, Moderation: Hubert Winkels.

[26] U.a.: Jacques Lacan, Encore. Le Séminaire de Jacques Lacan. Livre XX (1972–1973), Paris: Éditions du Seuil 1975. Deutsch: Jacques Lacan, Encore. Das Seminar von Jacques Lacan Buch XX, Weinheim/Berlin: Quadriga 21991.

[27] Frantz Fanon, Les Damnés de la Terre (1961), Éditions la Découverte & Syros, Paris 2002.
Aus der das Werk beschließenden ‘Conclusion’: „Für die Dritte Welt geht es darum, eine Geschichte des Menschen zu beginnen, die den von Europa einst vertretenen großartigen Lehren, aber zugleich auch den Verbrechen Europas Rechnung trägt, von denen das verabscheuungswürdigste gewesen sein wird: beim Menschen die pathologische Zerstückelung seiner Funktion und die Zerstörung seiner Funktionen und die Zerstörung seiner Einheit; beim Kollektiv der Bruch, die Spaltungen; und schließlich auf der unermesslichen Ebene der Menschheit der Rassenhass, die Versklavung, die Ausbeutung und vor allem der unblutige Völkermord, nämlich das beiseiteschieben von anderthalb Milliarden Menschen.“ Übersetzung Traugott König, in: Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1981.
Zuvor führte Fanon mir psychiatrischem Blick in die Repräsentation von Hautfarbe und Herrschaft(sanspruch) aus der Perspektive eines Bürgers von Martinique, damals, wie heute, ein Département d’outre-mer Frankreichs. Frantz Fanon, Peau noire, masques blancs. 1952, Éditions du Seuil.
Letztere Spur mag auch auf das Rassistische im Terror führen.

[28] Hawa Noor Mohamed, The Children Who Braved the Toughest Battle…. and Are Still Fighting! http://www.africa.gnrc.net/en/countries/ugandastories/childrenbattle.html (Abgerufen 18. Januar 2015).

[29] Der Link zur ‚Esthetics of misery‘ (s.o.).

[30] Hierzu auch eine Frage zur Bedeutung von Bildern beziehungsweise nicht vorhandenen Bildern um die Terrorakte Breiviks von Oslo 2012: Oslo versus Utøya – (Selbst-)Re­präsentation medialer (Re-)Produktion des Elends. Dies war ein briefliches Statement zur Vortragsfassung von:
Rudolf Heinz. Explanatorische Skizze zum Massenmörder Anders Behring Breivik. (Vollständige Fassung) In: texte. Psychoanalyse – Ästhetik – Kulturkritik. Hg. H. U. Kadi, A. Ruhs, K. Stockreiter, G. Zenaty. Wien. Passagen. 2013. Heft 1. 33. Jahrgang, 46 - 65.

[31] Entscheidend scheint mir, die jeweilige Diskursform zu identifizieren, aus der heraus und in der wir uns bewegen; in besonderem Maß zu differenzieren zwischen dem Discours de l’Analyste und dem Discours de l’Université. Den Platz der ‚Wahrheit‘ (la Vérité) nimmt im ersten Fall das Wissen (le Savoir, S2) im anderen der Signifikant (S1) ein. Diese kryptische Skizze wäre auszuführen. Ich halte das auch für das Sprechen in der Assoziation Pathognostik Düsseldorf 2014 für wichtig.   

[32] Erstellt als tagesaktuell kommentierende E-Mail.

[33] S. o. Anmerkung 26.

[34] Muss auf meine Novell verweisen: Ulrich Hermanns. In the Heart of the Wild Triangle. Resonances from the Kenyan-German Other. Düsseldorf 2104.

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