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Vom „Schwarzwerden der Welt“. Zu Achille Mbembe

Ulrich Hermanns

Vom „Schwarzwerden der Welt“. Über kollektive Blackouts und das Flimmern der Sprache.

Zu Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft.

"Die Weißen denken zu viel und dann machen sie viele Sachen, und je mehr sie machen, desto mehr denken sie. Und dann verdienen sie viel Geld, und wenn sie viel Geld haben, machen sie sich Sorgen, dass das Geld verloren gehen könnte, und sie keines mehr haben. Dann denken sie noch mehr und machen noch mehr Geld und haben nie genug. Dann sind sie nicht mehr ruhig. So kommt es, dass sie nicht glücklich sind."

Der Dogon Ogobara in: Die Weißen denken zuviel, P. Parin, F. Morgenthaler, G. Parin-Matthèy (1963)

Der Originaltitel des Werks Mbembes lautet: Critique de la raison nègre. Wie man vom Adjektiv nègre zu schwarz, der übersetzten Attribuierung der Vernunft in der deutschen Fassung, kommen mag, deutet Mbeme gegen Ende der Untersuchung selbst an: „‚Neger‘ – das darf man nicht vergessen, verweist auch auf eine Farbe. Die Farbe der Dunkelheit.“ (278)

Dunkel ist alles, was wir über die Regionen wissen, die Mbembe stellvertretend für uns untersucht. Ganz unprätentiös ist sein Gegenstand die entfaltete Ökonomie dessen, was Frantz Fanon in seinem knappen Werk, speziell in Peau norir, masques blancs pointiert zur Sprache brachte, gelesen mit wie selbstverständlich angewandten Kategorien der Antispsychiatrie. Wobei die hymnischen Dekuvrierungen eines Aimé Césaire Mbembe ebenso wie zuvor Fanon bereits zu Formulierungen anspornen, die in genau die Dimension zielen, welche der Diskurs über das Schwarze in der Vernunft intendiert: das Taumeln abendländischer Rationalität in ihrem allzu selbstgefälligen Selbst(miss-)verständnis. Mbembe übt tiefgreifende Rationalitätskritik, jedoch nicht um deren Träger vorschnell zu therapieren oder zu perfektionieren.

Für beides fehlt über weite Strecken jegliche Notwendigkeit. Der Gegenstand der durch das andere der Vernunft so wirklich wie beschämend realisierten Qual ist dermaßen begehrensübervoll, dass die im Epilog reklamierte „Restitution, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit“ (325) im gleichen Atemzug auch bereits als unmöglich vindiziert werden. Nein, die Kolonisierung der Welt geht so weit, dass dessen Ausgangszentrum, so Mbembe, nun selbst überrollt wird, ein „Schwarzwerden der Welt“ ansteht. Der Beweis dessen ist jedoch hier nicht explizit intendiert, der Weg bis zur Verlautung einer solchen Utopie allerdings wird mit großer Kraft und einer imposanten Übersicht zurückgelegt.

Dabei sind Referenzposten – Untersuchungsgegenstand – und Referate – Erkenntnisse, Konklusionen – kaum isolierbar. Die Signifikate zu ‚Schwarz‘ und ‚Neger‘, beide eher eins als gegeneinander konfrontierbar, sind keine Objekte, zu denen rationale Diskurse wie die der Ethnologie oder Soziologie sie wohl herzurichten wüssten, sondern unmittelbar sprechende Offenlegungen eines multidisziplinären Verdrängungs- und Entstellungsprozesses, dessen Arbeitsweise ansonsten überwiegend aus der Semantik des je individuellen Unbewussten bekannt ist. In der Schwarzen Vernunft spricht exemplarisch jedoch ein kollektives Unbewusstes. Es tut dies von den verschiedenen Positionen her, welche die Topografie dieses Unbewussten ausmachen: die verdrängende Repräsentation, der verdrängte Repräsentant, das verschobene Repräsentierte, das vom Verdrängten nur ein trügerisches Bild gibt, wie es Deleuze und Guattari, Ersterer Garant Mbembes im Übrigen, dereinst formulierten.

Was sind Mbembes Thesen? Gibt es überhaupt die Nötigung, solche vorschnell zu formulieren, oder sind nicht eher Positionen und Positionierungen, nicht zuletzt zur Sprachgewinnung überhaupt, die wichtigeren Aufgaben angesichts eines Zusammenhangs, der eben nicht abendländische Vernunft zu sich selbst führen will und kann? Sondern der vielmehr auf etwas setzt, das mit dem „Wahn, den die Moderne hervorbringen sollte“ (12) bricht, dem gigantischen interkontinentalen Raubzug, der Verdinglichung von Menschen zu Arbeitssklaven, zu Objekten eines in sich begründungsmäßig zirkulären, projektiven Rassismus, dessen Nebenwirkungen willkürliche koloniale Aufteilungen waren, deren nationalstaatliche Folgen heute noch so elend konfliktträchtig sind. Der diesen vielmehr transparent und in seiner Dynamik erfahrbar machen will und auch tut.

Was Mbembe in seiner Einleitung dennoch als möglichen Beitrag für das kritische Denken annonciert, ist tatsächlich vielmehr die Auseinandersetzung mit Kräften und Intensitätsfeldern, wie sie der Schizoanalyse zu eigen sind.

„Der Neger ist das Gespenst der Moderne“ (243) – auf solcher Basis die marxschen Konfessionen zwischen den dünnen Grenzen sich bloß selbst entfaltenden Wahns (Paranoia) und absoluten Geistes (Schizophrenie) zu bemühen, heißt Widerspruch zu provozieren, die Reaktion gar auf den Plan zu rufen. Mbembe jedoch durchkreuzt sicher neben den im kapitalistischen Sinn ökonomischen Feldern (der Neger als Ware, die u.a. den Namen jeglicher Abstammung zu verwerfen hat) über mehrere empirisch abgesicherte Kapitel, die der Begehrensökonomie von schwarzer Haut im fanonschen Verständnis. Wobei Fanons Arbeit im Wesentlichen zitabel bereits ist, auch hinsichtlich der Bedeutung und Funktion von Sprache, vorwiegend der poetischen, was Mbembes Refugium zu einer schwer abweisbaren Konsistenz verhilft.

Im Übergang zum poesiemächtigen Teil, dem „Nullpunkt des Buches“, fasst er vier vorangehende Kapitel prägnant zusammen: er habe aufgezeigt

„wie die beiden Begriffe ‚Afrika‘ und ‚Neger‘ in der gesamten Moderne für die Fabrikation von Rassensubjekten eingesetzt werden konnten – deren Hauptmerkmal ihre Erniedrigung ist und deren Eigenheit darin besteht, dass sie einer gesonderten, verachteten Menschheit angehören, der des menschlichen Abfalls.“ (243)

Rasse hier ohne jede biologistische Konnotation verstanden, jedoch unzweifelhaft an der Hautfarbe auszumachen. Ihre Funktion ist die von Ausgrenzung und Abwehr, deren konkrete Träger benennbar sind, von Vertretern der Aufklärung (Condorcet) über den die Phantasmagorien seiner Zeitgenossen zum afrikanischen Kontinent aufgreifenden Hegel (Philosophie der Geschichte) und einem Denker wie Tocqueville, der im Negersklaven die dem Liberalismus inhärente (nach Foucault), zu bannende politische Gefahr witterte, so Mbembe.

Das Arsenal der aufgewiesenen Verkennungen reicht bis zur über lange Zeit virulenten „Erotik der Ware“, einer in den Kolonien beheimateten „gewaltigen Maschine zur Erzeugung von Wünschen und Phantasien“ (214f) und dem funktionell verzerrten, rassischen Simulakrum der „Schwarzen Schönheiten“ (135) in der Kunst. Mbembes Buch ist voll von leicht nachvollziehbaren Analysen der Wunschökonomie, in denen die zentralen Signifikanten eingebunden sind – der „Brunnen der Phantasmen“ (81ff) – und ergänzt sein obiges Statement:

„Dennoch sollen die mythischen Ressourcen Afrikas und der Neger eine unhaltbare Grenze, die Auslöschung des Sinns und eine lustvolle Hysterie speisen.“ (243)

Statt Hysterie hatte der von Mbembe ausgiebig zitierte Aimé Césaire auch gesetzt: Gier, Gewalt und Rassenhass. (289)

Im Taumel des Geschehens dreier Romane von Amos Tutuola und Sony Labou Tansi sucht Mbembe nach Ausdruck für die Verstümmelungen und Qualen, die im Zug der Entfaltung von Sklavenhandel und Plantagenwirtschaft (Schwächung der sozialen Reproduktion, Lähmung der Körper, zerstörte Symbolwelten, Unperson), von Kolonialregimen (Rassentrennung, Depravation, Objekt des Wissens, ‚Erziehung‘) und antikolonialistischen Nationalismen („leidender Wilde“ als Opfer, kulturelle Differenz) über die Opfer gekommen ist. Er nennt dies auch einen „zweiten Text“, der die Frage nach schwarzer Identität beantworten will: „Wer bin ich?“ – folgend den paranoischen Rationalisierungs­nöten von Repressions- und Usurpationslogik, die schließlich zum bestimmbaren Rassensubjekt führen: „Wer ist er?“

Außen vor und damit weiterer Thematisierung anheimgegeben bleiben intensive Wunschmaschinen­modi, wie sie etwa Lou Reed in seinem Song I wanna be black einst (1978) provokativ generierte. Womit zugleich eine These Fanons aus Peau noire, masques blancs in produktives Taumeln versetzt wurde: „Der wahre Andere des Weißen ist und bleibt der Schwarze. Und umgekehrt.“ Wobei Ersterem das wahrnehmbare Körperbild und Letzterem eine historische Ökonomie die begehrensspezifischen Reflexionsfolien liefern.

Die im poetischen Kontext von Mbembes Buch aktivierten Zitationen von extremer Gewalt und Verstümmelungen sind insofern weniger verstörend, als sie Identitätsschichten repräsentieren, die ihrerseits unzugänglich gemacht wurden, einschließlich der damit verbunden Opfer von infolge grausamer Folter zahllosen Toden anheimgegebenen Körpern und Menschenleben.

Die Erkundung vergleichbarer, wenn auch anders gelagerter Verhältnisse in der Alten Welt selbst, etwa des Holocausts, sind nicht Gegenstand von Mbembes Essay, ließen sich aber mit ähnlicher Logik fortschreiben, wenn auch nicht rationalisierend vereinnahmen. Der Essay selbst ist übrigens die Fortsetzung eines Zyklus, dessen Vorläufer De la postcolonie (2000) und Sortir de la grande nuit (2010) nur in Französisch vorliegen.

Man mag fragen, wozu, wenn nicht tatsächlich aus rationalitätsbereichernden, -sichernden Gründen, ein solch pointierter Ansatz verfolgt wird. Die eher unabgeleiteten, sentimentalen Bekenntnisse zu einer versöhnlichen Position am Ende des Werks lauten: Erhalt der Lebensreserven der Menschheit, Aufgabe von Racheansinnen, Ausbruch aus dem kannibalischen Treiben, das mit dem „Schwarzwerden der Welt“ auch vor der Festung Europa nicht Halt machen wird. Sie dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass Mbembe über lange Strecken mit einem gigantischen, untergründigen Aufruhr am Werk ist, der sich einer die abgründigen, zutiefst schäbig in die Weltgeschichte eingeschriebenen Verhältnisse offenlegenden Lust bedient und ebenso einer vitalen Kraft, die nicht nur vor dem Vergessen bewahrt, sondern auch jederzeit Erschüttern macht.

Von Letzterem ist das Selbstverständnis einer westlichen Perspektive auf Geschichte besonders betroffen. Eine Defokussierung der westlichen, insbesondere europäischen, Lesart von Rationalität kann mit deren eigener Logik nicht geschehen. Was Mbembe als Deklassierung der eurozentrischen Perspektive gemeinsam mit anderen Autoren ausmacht, wird locker mit dem konnektiert, was unter dem von ihm nicht weiter begründeten Signifikanten ‚Globalisierung‘ fassbar ist. Nur, dass die Folgen eben ausschließlich in Form projektiver Identifikation vom seiner Allmacht beraubten vormaligen Gravitationszentrum her erzeugt werden. Die ‚Wut des Verstehens‘ allerdings möge sich nicht unmittelbar auf das Andere richten, welches eh schon im Status des Negers, des Schwarzen, Verdrängten und Verworfenen mehrfach unzugänglich gemacht wurde. Mbembes Verdienst gründet darin, dies Unzugängliche in seinem heteronomen Status aufblitzen zu lassen, ohne es zu vereinnahmen.

Dunkelheit als solche wahrnehmen zu können, sie nicht mittels aufklärenden Räsonnements ihrer selbst immer wieder erneut zu berauben und den Räuber dazu in die selbstgestellte Falle, sein mörderisches Phantasma, laufen zu lassen, hieße, verstanden zu haben, worum es im Kraftzentrum der Critique de la raison nègre geht.

Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. 2014 Berlin: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-58614-3

 

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