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Begehrensökonomische Skizze

Ulrich Hermanns

Brief am Michal Eldred, Mai 2017

Lieber Michael,

mir geht es um ein Verständnis der Konstitution gesellschaftlicher Synthesis, die Menschen darin inbegriffen. Wie sie mit ihrem Begehren die Welt in Gang setzen, sich Begriffe bilden, sich in Verhältnisse einfinden, über die zu bestimmen den meisten verwehrt ist, sich so positionieren, Positionen bilden.

Allein, sich am Leben zu halten ist ohne Partizipation an den Prozessen außerhalb nicht möglich. Ebenso ist eine grundlegend affirmative Position den Verhältnissen gegenüber unabdingbar, so man im Gesellschaftlichen Feld leben und überleben will. Dahinein fällt auch der Umgang mit physikalischen und biologischen Basics, Schwerkraft und die Widerständigkeit ihr gegenüber im aufrechten Gang, die leidliche Separierung von Wachen und Träumen infolge der Erdrotation und der Positionierung zum Zentralgestirn.

Geschaffenheit im biologischen Sinn verrätselt sich schon ein wenig mehr. Es kommt auf einer psychisch vermittelten Ebene so etwas wie ein Anderer hinzu, Einzahl oder Mehrzahl, geschlechtliche Bestimmung außen vor gelassen. Abstammung. Die ihrerseits in Schöpfung umgewandelt werden kann, sofern man Vater oder Mutter ist.

Sowohl dieser wie der zölibatäre Status verlangen eine Inkorporation, ein Leib-Seele-Geist-Gebilde, das wir ja auch sind. Wie die Organe zu spezifizieren sind – Sinnesorgane zur Generation und zum Austausch von Wahrnehmung et cetera in besonderem Maße – sei dahingestellt. Prägend für unser Dasein ist die Unumkehrbarkeit von Zeit, wir sind in jedem Moment von Vorangehendem uneinholbar abgeschnitten. Das Verhältnis ist sozusagen die Dauerarbeit der Moire Atropos, der Schiksalsgöttin, die eigentlich für das Ende des Lebens der Erdlinge verantwortlich zeichnete, auf der Ebene von Erfahrung aber die Finalität unmittelbar und dauerhaft setzt.  

Die konkreten Beschaffenheiten solcher Bezüge verschwinden weitgehend in der Pragmatik des Umgangs mit ihnen, deshalb nenne ich die vier Grundfaktoren unbewusst: Leib, Anderer, Erde und Zeit. Phänomenologisch lässt sich auch ein Vorbewusstheitsstatus der Bezüge annehmen.

Unsere Weltkonstitution basiert im Wesentlichen auf Erinnerungen, individuell finden sich die sinnlich, sprachlich und kognitiv vermittelten Entwürfe, die unser Wachleben bestimmen. Dabei ist dieses immer auch handlungsbestimmt.

Anders die Verhältnisse im Schlaf und im Traum. Mentale Produktion im Überfluss, mit unvorstellbarer Kombinationsgabe und Phantasie ausgestattet. Weshalb der Traum so nah am Lustprinzip der Psychoanalyse positioniert ist: Wunscherfüllung. Woher Psychoanalyse an dieser Stelle kommt, ist kaum von Bedeutung, für den, der sie kennt, ist sie da. Mit ihr auch das Unbewusste.

Diesem Unbewussten messe ich einen objektiven Status zu. Das heißt, die Verhältnisse, die Wünsche, Begehren, Erfüllung, Abweisung bedingen, sind keine bloß individuellen Regungen – psychischer oder psychodynamischer Beschaffenheit nach etwa –, sondern Beschaffenheiten der äußeren Welt, die beständig in Gang gehalten werden müssen. Eine Ökonomie der marktwirtschaftlichen Dinge, ob physisch oder imaginär, im Sinne der Durchmischung des Produktions-(Re-)Produktions- und Konsumtionsapparates (Aufzeichnung inbegriffen), dem die menschlichen Seelenregungen angeschlossen sind, tierische nicht weniger. Diese Seelenregungen plus ihre motorischen Kooperationspartner lassen uns mit der Welt der Dinge wie der der Begriffe kooperieren, sich uns in ihnen finden, sie unseren Vorstellungen sich anzupassen bemühen, uns darin zu situieren.

In einer vollständig vom Anderen – dem- und denjenigen, welche die großen Verhältnisse organisieren, nennen wir sie Wunschmaschinen – dominierten, existenziellen wie physisch und psycho-sozialen Umwelt.

Innerhalb dieser Welt kommen zwei großen Einheiten entscheidende Bedeutung zu: Sein entspricht der Begierde, Nichts dem Tod. Die Ableitung der Formel ist nicht ganz einfach.

--

Auf dieser Grundlage stellt sich für mich die Frage der Rechtfertigung der faktischen Welt. Die Frage der Annahme der Verhältnisse durch jeden einzelnen Menschen. Es lassen sich die typischen Widerstandsformen der Pathologien finden, Krankheiten, mit der Sonderrolle der Psychopathologie. Es lässt sich offene Ablehnung finden – ob individueller Widerstand oder Terrorismus. Geheime Ablehnung – Subversion. Und natürlich die große Affirmation all derer, die am Geschehen ihre Freude finden, ob als sklavischer Knecht oder als Herr. Die geschlechtlichen Konsequenzen hat die Phänomenologie des Geistes nicht gezogen, anderenfalls wäre ein erotischer Exkurs mehr als nur Abzweig geworden. Gewalt ist das Motiv, das die PhG vom Symposium trennt. Die Kugelmenschen wurden von den Göttern dividiert, im Selbstbewusstsein sind es die Menschen selbst, welche die nach Überwindung suchenden Zusammenhänge geschaffen haben.

Von der Position der existenziell das Leben jedes einzelnen Menschen – und Tieres – bestimmenden Objektivität betrachtet, finden sich vor allem: Zuschreibungen. Identität stiftende Mikroszenarien, die sich auf Staatsbürgerschaft ebenso beziehen wie auf die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit, auf Arbeitsmärkten sich die nötigen Äquivalente zur Partizipation am Warentausch zu beschaffen. Am für viele grundlegenden, weil systembedingt entzogenen Verfügen über Lebensmittel oder -raum – ein Dach über dem Kopf.

Womit wir in der Wirklichkeit angekommen sind. Eine Conditio unserer Existenz, die wir wahrscheinlich niemals hätten akzeptiert, so wir die Wahl gehabt hätten. Was einhergeht mit dem Faktum der Existenz, der Realisierung des Begehrens Anderer, Manifestation ihrer Lust.

Es ist für Menschen mit wacher Auffassung keine Frage, wie die Verhältnisse, welche das jeweils individuelle Leben bedingen, unter denen es zustande gekommen ist, sich entwickelt haben. Landnahmen, Raub und Blutströme seitens der despotischen Ordnungen, subtile Aneignung von Privateigentum und Kapital seitens der bestehenden. Die Rolle des Staates – der Staaten – darin in einem breiten Spektrum skaliert. 

Die Idee der Biopolitik nach Foucault erlaubt, diese Kodierungen ganz grob auf den Bildschirm zu bringen. Wie sich die gesellschaftlichen Ordnungen konkret in die Begehrensordnungen einschreiben und umgekehrt, ist eine komplizierte Angelegenheit. Mein Forschungstopos dazu heißt ‚Begehrensökomie‘, Economy of Desire.

Wonach ich unspezifisch suche ist die Frage, wie den großen Codierungen der Einzelseelen zu entkommen ist – Körper inbegriffen. Es ist offensichtlich, dass mit dem Achetez-à-un-riche Syndrom – der Tatsache, dass die Erfüllung des Begehrens auf der Warenebene nur über das superiore Angebot der Vertreter der Wealthy Nation (auch imaginär verstanden) sich vollzieht, wobei die Äquivalente hingegeben werden und in die Hände der diesen Prozess Propellierenden gelangen, ewige Hingabe – die Menschen sich selbst unterwerfen lässt. Einem Modus unterwerfen, dessen Arbeitsweise sie ebenso wenig zu beeinflussen wie seinen Konsequenzen zu entkommen vermögen. Letzter sind unabweisbar der Ausverkauf der Welt – zumindest derjenigen der Erscheinungen. Makroökonomisch schlicht Faktum.

Wo ist das Negativ, das Envers, die Gegenposition, aus der Werte und Wertschätzungen generierbar wären, die dem Druck des Kapitals auf die Lebensumstände gewachsen wären? Kapital keine verabsolutierte Größe wie bei Marx, sondern in seiner Liaison mit dem individuellen Begehren (Reproduktion) verstanden. Die Kinder dieser Welt sind Äquivalenzfaktoren – und wir alle inbegriffen.

Muss es also ewig so weitergehen, dass nur die faktischen Angebote wertgeschätzt, begehrt werden? Das heißt, die Unterwerfung unter die Verhältnisse gleich mit geliefert werden?

Es wäre leicht, stoische Ideale zu bemühen, die zweifellos in ihrer Ataraxia einen Gegenpol bilden. Enthaltsamkeit vieler Ethiken zu beleuchten, die erst eine Autonomie des Subjekts gestatten. All solches verlangt aber mentale Einübung, die an den meisten Stellen der Erde Produkt privater Ausbildung nur ist, kein selbstverständlicher, sozial diskursiver Bildungstopos, auf dessen Fundament gesellschaftliche Utopien thematisierbar wären.

Die Verführung der neuen Droge Virtualität, ausgeliefert via der allgegenwärtig leuchtenden Bildschirme (August Ruhs) ist so krass, dass die Menschen schon gar nicht mehr wissen, wie sehr sie sich der Arbeit an Alternativem entfremden. Doch ist das wiederum verständlich, wo die Sprachentwicklung zu keinem elaborierten Code bezüglich des Diskurses der gesellschaftlichen Ordnung des kollektiven Unbewussten führt.

An solchen Stellen wären die Forschungen anzusetzen, die kollektiv finanziert werden. Wege zu suchen, die aus der Misere herausfinden. Wobei es überhaupt noch keinen Zipfel möglicher Wahrheiten gibt. Aus diesem Grund sind es Grundlagenforschungen, die man unter Berücksichtigung obiger Zusammenhänge betreibt. Kaum mehr als wilde Spekulationen.

--

Konkret auf die Werte bezogen hieße das, Dinge und Verhaltensweisen in den ökonomischen Zusammenhang zu bringen, die beständig entwertet werden. Die gesellschaftliche Synthesis auf der Ebene dessen, was die Menschen tun, aber sich gegenseitig nicht vergüten, wäre in Richtung der Wertschätzung zu bringen. Ehedem gab es im Feminismus die Debatte über Lohn für Hausarbeit. Dazu gibt es verschiedene Ergebnisse. Die Frage aber betrifft den Gesamtzusammenhang der Affirmation der bestehenden Ordnung. Es sind diejenigen, die keine lautstarken Forderungen erheben, die Gleichheit unter den Artgenossen verstärkt zu fordern, von Bedeutung. Wir sind nicht gleich, selbstverständlich. Doch die forcierte Kräfteverlagerung in der Welt zugunsten der monetären Potenzen braucht deshalb lange noch nicht hingenommen zu werden. Ihre Folgen sind Ausbeutung und Usurpation – von Staaten endossiert. Ausgleich für historisches Unrecht – auch wenn die Geschichte noch so atropisch kupiert wie eben möglich ist – gehört vorgenommen.

Nur, dass an solchen Stellen das erbeutete Vermögen jeweils längst sanktionsfrei gereinigt in den Händen unschuldiger Erben sich befindet. Generationssexuelle Abkömmlichkeit als Purgatorium. Und wer als Bauer in Somalia sein Leben fristet – nun ja, Logik der Weltgeschichte. Herrschender Weltgeist.

Wer Philosophie ernst nimmt, bleibt dabei nicht stehen. Die vielen fälligen Diskursdurchläufe muss man, so gut es geht, zunächst einmal für sich selbst realisieren. Dabei stets Ausschau nach Anschlusstücken halten, an persönliche Bindungen. Dabei bin ich bisher nicht gut gefahren.

Hatte aber den Eindruck, dass die Dimensionen der Wertschätzung, Kodierung von Werten, Durchsetzung von Mustern der Usurpation, Ausschließung von so vielem, was kulturell durchaus Erstrebenswert ist, et cetera und auch jenseits der phänomenalen Dimension, im Nous, ihren Niederschlag so finden könnte, dass wir Gemeinsamkeiten hätten.

Gebe also die Hoffnung nicht auf – in diesem Sinn das Statement. Soll keine Abhandlung werden, daher erst mal ein Punkt.

Gruß, Ulli

Ulrich Hermanns
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