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Asymmetrische Weltbinnenverhältnisse – Die schreiende Stille der Externalisierungsgesellschaft

Ulrich Hermanns

Stephan Lessenichs Konzept der Externalisierungsgesellschaft ist ein bemerkenswerter Ansatz, globales Geschehen übergreifend zusammenzudenken (Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin: Hanser 2016).

Lessenich konstatiert auf zwei Ebenen, wie gesellschaftliche Pole Abstoßung praktizieren beziehungsweise erleiden. Externalisiert wird das, was als Preis von gesellschaftlichem Wohlstand der einen Sphäre ohne angemessene Vergütung in eine andere Sphäre transferiert wird. In den Paradigmen ökonomischer Theorie verwandelt sich partieller gesellschaftlicher ‚Wealth of Nations‘ (Smith) in ebenso präsenten, aber lokal verschobenen ‚Illth‘ (Ruskin). Die vielen Zwischenschritte von individuellen Positionen, dem Habitus-Konzept von Bourdieu etwa, zu kollektiven Formen, dem gesellschaftlichen Verhalten, spielen in Lessenichs Konzept weniger eine Rolle. Dafür konstatiert er aber umso deutlicher, dass sich die Allokation von Wohlstandsgütern und deren anderer Seite, den unübersehbaren Schadensformationen, keineswegs eindeutig auf Orte wie ‚Global North‘ und ‚Global South‘ verteilt. In beiden Großformationen gibt es – und das ist soziale Realität – existente Gegenwelten. Armut der Einen im waltenden Reichtum der Anderen und genauso enormer Reichtum weniger Anderer, wo breit herum Armut und Unterentwicklung herrschen.

Wo es gängige Praxis ist, mittels politischer Macht Handelsbeziehungen so zu gestalten, dass pausenlos die schadenbehafteten Produktionspraktiken in Regionen der Welt – Global South – verlegt werden, wo kein Widerstand aufkommt, geht damit einher, dass den Einwohnern dieser Regionen der Weg in die Gefilde des dies verursachenden – Global North – verwehrt wird. Ungleiche Verteilung des Zugangs zu wohlstandbegründenden Gütern und Verhältnissen einerseits und mehr oder weniger offene Fesselung an die Regionen, in denen die Nachteile abzuarbeiten sind gegenüber einem ungehinderten Betreten nahezu aller Regionen der Welt andererseits.

Diese Pauschalisierung trifft Lessenichs detaillierte Ausarbeitung natürlich nur schemenhaft. Sein Appell in Hinblick auf die Konsequenzen der unabweisbaren großen Asymmetrie der Lebensverhältnisse in der Welt versucht, das Fundament für einen Dialog zu legen: „Wir müssen reden“. Es ist ein politischer Aufruf zur Verständigung über die Verhältnisse und damit zur Schaffung eines anderen Gleichgewichts, vielleicht eines gerechteren und menschenwürdigeren.

Wer aber soll reden? Wer kann dies? Ist nicht die Erfahrung all des hier nur verkürzt Angerissenen auf Seiten derjenigen, die teilweise seit Jahrhunderten etwas, das maximal eine Sprache auf der Grundlage restringierter Codes verfügbar hat? Der Eindruck ist nicht zu vermeiden, dass die im traditionellen Diskursverständnis zum Reden Aufgeforderten nur die privilegierten Sprecherinnen und Sprecher einer Welt sein können, die über ausreichende Mittel dazu verfügen.

Die Externalisierungsgesellschaft hätte dann zu erkennen, dass sie mittels diskursiver Elemente dem nicht nahekommt, was ihr ‚Anderes‘ ausmacht. Die Hoffnung, aus der Vermittlung von Position und Antiposition zu einer Synthese zu kommen, gründete auf Illusion.

Selbstverständlich finden sich im ’Global South‘ genügend begabte Sprecherinnen und Sprecher, die seit Langem stellvertretend Position beziehen, unterstützt von Organisationen, die aus der Mitte der Wohlstandsgesellschaften hervorgehen und diesen den Spiegel vorhalten. Die Repräsentierten allerdings, diejenigen, die den Preis für welch konkrete Qualität von Externalisiertem entrichten, sind keineswegs linear auf die Position von Unterdrückten zu limitieren. Vielmehr spielen hier die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft eine Rolle wie auch das wenig bekannte Achtez-à-un-riche-Syndrom, das sich aus der Konzeption des Discours capitaliste nach Jacques Lacan ergibt. Der marxsche Warenfetisch ist nicht einmal notwendigerweise in der Argumentation heranzuziehen, obgleich in jedem warenspezifischen Begehren das Verkennen der Bedingungen ihrer Produktion vorherrscht, ob es sich um einen Becher handelt oder um ein Luxus-Chalet.

Begehrensökonomische  Perspektiven

Was von Stephan Lessenich als „eine entscheidende Ergänzung bzw. Vertiefung der Externalisierungsanalyse“ charakterisiert wurde, wird nachfolgend dargestellt. Der Kontext wurde zuvor in E-Mails erarbeitet.

I.

Was seit vermutlich sehr alten Zeiten und vormals durchaus auch in Ost-West-Richtung, nun vorrangig in der von Nord nach Süd, externalisiert wird, ist nicht nur auf der Oberfläche der Handels- und Kriegsgüter und der darunter liegenden sublimer Raubzüge auf der Ebene der ersatzweisen Etablierung eines Weltverständnisses nach Art der Aufklärung virulent, sondern auch auf der Ebene des Raubs im Imaginären.

Nur wo im Begehren der Betroffenen selbst eine Substitution fundamentaler Deprivation derart stattfindet, dass die Rückerstattung primär auf der Ebene des Begehrens nach Warendingen greift, kann sich die Unterwerfung der Menschen unter die Marktordnungen etablieren. Wobei die Ungleichheit der Ordnungen sehr wohl fundamental ist, die Marktkräfte eigentlich leichtes Spiel im Beherrschen des Deprivationsprozesses haben.

Dass auf der einen Seite marktwirtschaftliche Rationalität steht und auf der anderen Relikte eher despotischer Herrschaftsformen, ist weniger relevant. Tragende Säule im Spiel ist die Tatsache, dass die (waren-)begehrenden Subjekte im Moment der Befriedigung ihrer sehnsüchtigen Begierde einen Prozess in Gang setzen, welcher die Verbuchung des monetären Äquivalents auf die Seite der ‚Herren‘ zur Folge hat. Die Anknüpfung an Hegels Konzept von Herrschaft und Knechtschaft, über Kojève vermittelt, war Teil der Überlegungen des sich sehr weit in die Vermittlung von Unbewusstem, Begehren, Sprache und Soziologie (bain vs. lien social) hinein gewagt habenden Jacques Lacan, der um 1972 herum mit dem Term Discours capitaliste arbeitete. Final nicht ganz konsistent, mehr ein Versuch, doch ein sehr bedeutendes, mögliches Bindeglied zwischen den Ökonomien des Warenwirtschaftlichen, des Sozialen und des Begehrens.

Die damaligen Arbeiten in Soziologie, Kapitalismus, Kritik sind nach wie vor entscheidende Bausteine, dem Verständnis der Ökonomie in seiner Triebkraft und Triebhaftigkeit auf die Spur zu kommen (Klaus Dörre, Stephan Lessenich, Hartmut Rosa, Soziologie, Kapitalismus, Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009).

Wo das Konzept der Begehrensökonomie keine universitär belastbaren Ergebnisse liefert, ist doch der universitäre Diskurs nicht das wirkliche Maß eines angemessenen Verständnisses.

Was sich in den Leib-Seele-Wesen tut, was sich seit deren Prokreation tun muss, um sie angemessen akkulturiert gesellschaftlich agieren zu lassen, sind Einschreibungen von objektiv unbewussten Grausamkeiten, deren vorrangigste die beständige Trennung vom unmittelbar zuvor noch Präsenten ist, ein Vorgang, den ich ‚atropisch‘ nenne (nach der symbolischen Funktion der Moire Atropos).

Da schreibt sich Zeitlichkeit als Phantasma ein, die eine beständige Nötigung zur Selbstaffirmation generiert. Dass sich das Selbst in dinglicher Umgebung zu verifizieren hat, ist ein sehr greifbares Faktum, doch läuft die Situierung auf der Ebene des Unbewussten mit ebensolcher Eindringlichkeit ab.

Foucaults spricht von der Véridiction des Marktes. Dort wird auf einer Ebene gehandelt, die letztlich auch eng mit der Zirkulation von Schuld verbunden ist – erweitert kann man vermuten, dass der Laissez-faire-Ansatz in der Ökonomie vor allem mit den Rückflüssen zu begründen ist, die aus den Eroberungen der Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen und Holländer, später der Belgier, resultierten und mit keinerlei traditioneller, auf Arbeitsökonomie gerichteter Wertschöpfungstheorie erklärbar waren. Diese ‚Kolonialwaren‘ subvertierten schlicht das despotische Regime der Kontrolle der feudalen Waren- und Geldströme.

Element dieser eigenwilligen Surplus waren nicht zuletzt die Menschen in den unterdrückten, ausgeraubten oder durch militärische Schachzüge kastrierten Ordnungen – von Hispaniola bis zum Chinesischen Kaiserreich. Doch sind solche Metaphern nicht relevant.

Greifbar werden die Verhältnisse etwa an der Position von Frantz Fanon, als er in seinen Peau noir, masques blancs die Ökonomie des Begehrens im spätkolonialen Procedere sichtbar zu machen versucht. Seine Aufgriffe der kriegspsychiatrischen Symptomatik in Les damnés de la terre erlaubt, den Anschluss von Kolonialismus und Begehren an die Psychoanalyse und die Psychiatrie herzustellen, auch wenn einzelne Stränge nur bedingt belastbar sind. Die Repräsentationen kolonialistischer Zeichen (und mehr) in den psychischen Entitäten zeigen, dass es dort einen Konnex der Ordnungen gibt. Dass letztlich über das Achetz-à-un-riche-Syndrom nur eine Identifikation mit dem Aggressor um den Preis der Unterwerfung beherrschendes Motiv der Armen ist, läuft auf eine unmittelbare Notwendigkeit des Politischen hinaus. Die Armen sind wir eigentlich alle, Milliardäre einbegriffen.

Dies soll betonen, dass es extrem schwierig ist, aus der begehrensökonomischen Perspektive Schlüsse zu ziehen, die jenseits von – fast schon nur so zu nennendem – mikroökonomischen Prozedieren sich aufhalten.

II.

Nach Lektüre des Buches ergab sich für mich als Konsequenz ein unlösbarer Widerspruch. Das Schlusskapitel heißt Wir müssen reden. Das „wir“ konnotiert ein Kollektiv. Die Mitglieder werden zum Disput aufgerufen. Dies setzt eine Autorität voraus, ob aus einem äußeren oder einem inneren Verhältnis (Gewissen) entwickelt.

Die Asymmetrie der globalen Verschiebevorgänge und die ungleichen Auffassungsmöglichkeiten der auf beiden Seiten Beteiligten – dabei sind es nahezu unendlich viele Verbindungs- und Schleichwege – erlaubt es für mein Verständnis nicht, einen Dialog der aktiv oder passiv Involvierten auch nur im Entferntesten hinzubekommen. Wer soll da mit wem sprechen? Sprache ist das eine, zu allem bereite, anpassungsfähige Faktizität das andere.

Das sind natürlich abstrakte Formalismen. Doch scheint mir die aufgezeigte Conclusio nicht haltbar.

Dies auch aus einem anderen Grund. Stephan Lessenich handelt Externalisierung aus psychoanalytischer Perspektive im Vorbeigehen ab. Dabei ergibt sich eine viel kräftigere Verbindungslinie, wenn man eine leib-seelische Binnenökonomie annimmt, die sich in die Makroökonomie hinein nicht nur fortsetzt, sondern wo beide so zusammenarbeiten, dass Begehren und Erfüllung (beides Metaphern) für die konkrete Ausführung und Beschaffenheit der Welt sorgen.

Das heißt, es gibt Triebkräfte im Sozialen, wie im individuell Menschlichen, die sich unter verschiedenen Umständen in unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi darstellen. Da kann traditionelle Psychoanalyse zwar nicht weiterhelfen, aber sie liefert den Begriff des Unbewussten, der sich konzeptionell als Bindeglied der beiden Ökonomien ausgestalten lässt.

In diesem Unbewussten lassen sich ebenso sexualisierte wie ökonomisch global durchdeklinierte Momente von Herrschaft und Knechtschaft ausmachen. Knechte aber sind zu dauerhafter Solidarität nicht fähig. Ihr Leitmotiv ist das Gewinnen von Herrschaft, ob in der Realität oder als Phantasie, identifikatorisch adaptiert.

Natürlich führt weder eine Soziologie, noch eine Psychologie oder eine Ökonomie die relevanten Stränge interdisziplinär zusammen. Die Konsequenz ist sowohl das konzeptionelle Defizit, als auch die Nichtthematisierbarkeit in öffentlichen Diskursen.

Wir hätten zu akzeptieren, wie korrumpierbar wir sind, um überhaupt als soziale Wesen zu existieren. Von einigen Begüterten abgesehen, ist das Vermarkten von Teilen des eigenen Selbst Grundbedingung für den Erhalt lebensnotwendiger Äquivalente. Identifikation mit dem Aggressor ist die pur psychoanalytische Komponente (ein Abwehrmechanismus), das Achter-à-un-riche-Syndrom eine schon etwas stärker von psychischer Ökonomie durchtränkte Konzeption. Nichts aber ist ausreichend, die Tragweite des Angerissenen durch ein Modell zu fundieren.

Dies will sagen, dass es um die Anerkennung fundamentaler Defizienz im psycho-ökonomischen Haushalt ankäme, ein kollektives Wir zu entwickeln. Anerkennung von Bedürftigkeit bezüglich der essentiellen Lebensnotwendigkeiten. Und dies auf Seiten der Externalisierenden wie der solches passiv Erleidenden. Einschließlich der historischen Konditionierungen – Kolonialismus als Metapher. Frantz Fanon hat einige Spuren aufgegriffen, wie sich solcher in den Seelen als Konsequenz allein der Hautfarbe niederschlägt. Alles ist dort Intensität, es gibt eben nicht die Distanz zum Begehren, genauso wenig gibt es sie bei den ökonomisch Instrumentalisierten.

Man muss schon sehr viel Prägendes beiseitelassen, um den Status quo zum Ausgangspunkt zu nehmen. Menschen, die sich auf diesem Niveau solidarisieren, sind Pragmatiker. Was anerkennenswert ist.

Im ökonomisch-soziologischen Diskurs aber wird mit Fragestellungen wie Bottom-of-the-Pyramid Economics, Economics of Slums oder Low-income Strategies massiv daran gearbeitet, die Gesetzmäßigkeiten der Landnahme bis in die mikroökonomischen Zellen transparent zu machen um sie forciert zu nutzen – auszunutzen. Ungleichheit ist eine unkritisch hingenommene conditio humana, hinsichtlich von Besitz ebenso wie von Chancen.

Daher jubeln weltweit ausnahmslos alle Regierungschefs den mit den Hufen scharrenden Investoren zu. Damit eben Äquivalente verteilt werden können, um den verdinglichten Wünschen für Momente jeweils zur Erfüllung zu verhelfen. Und anschließend geht der Kampf aufs Neue los. Mikrosekündlich die Logik der Zeit als ungreifbare fortschreibend. Wie sehr darin Unterwerfung unter die marktwirtschaftliche Logik von temporärer Befriedigung und struktureller Unterdrückung steckt, will und kann nicht gewusst werden. Erst wenn die jeweilige Party zu Ende geht, industrieller Wandel sich vollzieht, gigantischer Betrug offenbar wird oder Katastrophen eintreten, beginnt das große Jammern.

III.

Die relevanten Aspekte lassen sich stichwortartig benennen, machen aber nur zusammenhängend Sinn:

  • Geht man von den psychoanalytischen Wendungen der Konzepte von Wunsch und Begehren aus, so verweisen sie auf eine leib-seelische Binnenökonomie.
  • Diese Binnenökonomie ist untrennbar mit dem verbunden, worin sie im weitesten Sinn materiell vermittelte Erfüllung erstrebt – dem System der Warenwirtschaft.
  • Ware ist das, was arbeitsteilig geschaffen wird, zirkuliert und gegen Äquivalente in Konsumtionssphären gelangt.
  • Dem Schaffen von Waren liegen Exklusionsverhältnisse zugrunde, fundamental dafür ist Eigentum an ihnen wie an den Produktionsmitteln.
  • Dieses Eigentum gründet zum großen Teil auf vorangehende, materielle Landnahmen.
  • Im Wandel zur Ware durch Hinzufügung von Arbeit entstehen höchst komplexe Einheiten, die ihre Ursprünge unsichtbar machen.
  • Die so Arbeitenden offerieren ihre Arbeitskraft als Ware auf Märkten, die im Gegenzug Entlohnung in Form von Äquivalenten bieten – Grundlage kurzschließender Kaufkraft.
  • Auf allen Ebenen der makroökonomischen Aktivitäten, einschließlich der Geldschöpfung,  entfalten sich Teilmärkte mit den elementaren Treibern Angebot und Nachfrage.
  • Treiber und Garanten dieser Faktoren auf der Ebene der Nachfrage sind Wunsch und Begehren.
  • Nicht nur Dingliches wird von ihnen tangiert, sondern auch Imaginäres, das, was sich auf Vorgestelltes bezieht, etwa Anerkennung oder Liebe.
  • Wo sich aus der Kulmination von Äquivalenten Kapital bildet, gebildet wird, potenziert sich die Schaffung von Grundelementen des via Landnahmen exklusiv Gemachten.
  • Seine Geltung und Wirkung erhält es vorwiegend durch die Funktionalität im ökonomischen Prozess des Begehrens.
  • Sämtliche Warendinge, materielle und immaterielle, sind nicht nur Elemente der Reproduktion des physischen Prozesses und der begleitenden Funktionen von Mehrwert, sondern auch Träger von Eigenschaftsderivaten des Kapitals.
  • Über die Befriedigung von Wünschen und Begehren hinaus erlauben die Rekurse auf dingliche und imaginäre Utensilien – Nützlichkeit – ein zeitlich begrenztes Genießen.
  • NB: Zeit wird über Genießen geschaffen.
  • Das Genießen ist der subjektive, lebewesensmäßige, leib-seelische Bezug auf die objektive Dimension von Kapital. Hier liegt im objektiven Unbewussten eine fundamentale Verschiebung vor.
  • Kapital erfüllt ‚sich‘ in dieser Rückaneignung durch die Subjekte.
  • Was nicht in sublimer Rückaneignung begehrt wird, verschwindet, einschließlich der es begründenden und realisierenden Prozesse. Beispiel ‚Preußen‘ oder die Schreibmaschine.
  • Neben dem jeweils aktuell Begehrten und seiner Makroökonomie umgibt uns ein großes Vergessen.
  • Dieses Vergessen ist das Gegenstück zur Konsumtionsarbeit (diese analog der Traum-arbeit). Es umfasst alles Historische in seinem ehemaligen Status von Faktizität.
  • Die Dimension solcher Unzugänglichkeit erstreckt sich gleichermaßen auf die Erreich-barkeit anderer Menschen – die Idee von Erreichbarkeit allein ist bereits eine Manifestation von Begehren.
  • Begehren ist weitgehend unfähig, das, worauf es sich richtet, zu erkennen, da sich die-ses in einer Totalität von Austauschprozessen – Produktion und Konsumtion eingeschlossen – entzieht.
  • Erkenntnis hingegen ist ein vorwiegend instrumenteller Akt, der sich insbesondere in seiner kollektivierten Form als Wissenschaft der Grundlagen und Bezugsfelder nicht innewerden kann.
  • Was sich auf der Makroebene des Politischen, Ökonomischen und Sozialen als Externalisierung darstellt, sind (gewalthafte) Austausch- und Akkumulationsprozesse und ihre jeweils temporären Resultate.
  • Auf der Mikroebene, dort wo Menschen als Schöpfer oder Konsumenten mit winzigen Beiträgen agieren, ist nahezu ausgeschlossen, dass in größerem Maße Einsicht in die Verhältnisse möglich wird.
  • Insbesondere, wo Menschen über Bildung und Wissen in größerem Maße überhaupt nicht verfügen, sind die Bezüge auf Derivate, verführerische Konsumgüter, die bestimmenden Orientierungsposten im individuellen Spiel der Begehrensökonomie.
  • Das heißt, die Menschen, die durch allgegenwärtige Landnahmen – materielle und imaginäre – von der Entfaltung von Lebensbezügen jenseits des bloßen Überlebens ausgeschlossen sind, können sich schlicht nicht angemessen zu dem äußern, was ihnen vor-enthalten beziehungsweise geraubt wird – sofern man ein ursprüngliches Anrecht auf gleichberechtigte Partizipation überhaupt akzeptiert.
  • Im nach Jacques Lacan als Acheter-à-un-riche-Syndrom benennbaren Zusammenhang fallen Identifikation mit der Übermacht des ‚Riche‘ (Kapital) und Hingabe der mit ihm verbindenden Äquivalente untrennbar zusammen.
  • Ungleichheit in Bezug auf materielle, seelische und soziale Faktoren impliziert Ungleichheit in Äußerungsmöglichkeiten – Sprache – sowohl auf der individuellen, wie der kollektiven Ebene.
  • Zwischen dem Individuum und dem Kollektiv liegen zusätzlich vielfältige Gräben, deren Einschätzung keiner Norm unterliegen kann.
  • Wesentliches Element der Kollektivierung ist aber Sprache.
  • Diese Sprache ist neben dem Verbalen die Sprache der dinghaften Zeichen, die der kollektiven Sinngebung mittels individuellem Begehren.
  • Im Spiel des nicht auszuschaltenden Begehrens wiederholt sich die Unterwerfung unter alle inkongruenten Produktionsbedingungen – Landnahme und partielle Rückerstattung –, welche die einzelnen Menschen unausweichlich sich selbst berauben lässt.
  • Hingabe von Äquivalenten, die anderweitig aufgenommen und bitter benötigt werden, um den Prozess in Gang zu halten.
  • Nur die wenigen Quanten, die festgehalten werden können, verwandeln sich in Einsicht (forciert: Wissen) oder Besitz.
  • Mittels Sprache kann Einsicht zirkulieren und sich festigen. Eigentum definiert sich dar-über, dass es nicht zirkuliert.
  • NB: Die Obsession, der innere Zwang, von Eigentum zeigt sich dort, wo es an Kapital gebunden ist. Dort entstehen gravierende Praktiken, die Phantasmatik durch totalisierende Übergriffe auf die gesellschaftliche Wirklichkeit auszuschalten, indem mittels forcierter Landnahmen fortwährend Raub und Enteignung walten – auf physische wie imaginäre Faktoren bezogen. Entscheidende Bedeutung kommt den Rechtsverhältnissen zu.
  • Die Externalisierung dieses Gewaltverhältnisses scheint mir der Kern der Externalisierungsgesellschaft zu sein, welche den Zwang durch Wiederholung abzuwehren versucht.
  • Wir alle haben bezüglich der Zugänglichkeit zum Anderen nur eng begrenzte Möglichkeiten.
  • Wie in der Externalisierungsgesellschaft aufgewiesen, bilden Nationalitäten und Staats-grenzen fundamentale Exklusionsverhältnisse für den größten Teil der Menschheit, die meisten Menschen können nur wenige Ländergrenzen überschreiten, wenn überhaupt.
  • Einsicht in globale Zusammenhänge der Asymmetrie von Weltbinnenverhältnissen ist da-her ein Privileg weniger.
  • Ein gleichberechtigtes Wir auf Augenhöhe wird es daher nicht geben können.

Welcher Erkenntnismodus seitens der Privilegierten ist daher angemessen?

Ist es der des politischen Diskurses unter Landsleuten im Global North – in ehemals weltbürgerlicher Absicht? Er schreibt allerdings die Ungleichheit fort, indem er sie zum Gegenstand macht, gewissermaßen diskursiv instrumentalisiert.?

Wo die Zugänge zum Anderen jedoch nicht primär in soziologischen Kategorien gesucht wer-den, kommt die Annahme von Resonanzen ins Spiel. Resonanzen können als das verstanden werden, was sich im jeweiligen Subjekt verständlich macht, insofern es Spuren des oben als objektives Unbewusstes Skizzierten enthält. Dieses Begehren ist ein unmittelbares.

Es ist auch das, was nicht dazu führt, das Unterworfene wiederum Andere unterwerfen.

In Resonanzen kommt im Gegensatz zum privilegierten Wissen zugleich die Dimension der Nähe auf. Nähe wiederum löst mehr oder weniger Lust oder Abwehr der Körper aus. Ohne diese käme schließlich nicht das zustande, was die Menschen fundamental bedingt, geschlechtliches Begehren.

Wie hier Kommunikation eros-haftig zu neuer Sprache finden kann, ist der Anschluss an früheste Philosophiekonzeptionen. Es ist der Dialog im Konkreten und insofern tatsächlich das Pendant zur Externalisierungsgesellschaft als bloß gewalthaftes Faktum. Es ist die diskursive, intensive Durchdringung des Sozialen. Insofern auch Öffnung der Hermetik, mit der sie phänomenologisch begegnet.

Was also wissenschaftlich nicht erfassbar ist, lässt uns alle auf der Kommunikationsebene zusammenkommen.

Ich verstehe Resonanzen als Plural, womit ein Modulationsverhältnis im Unmittelbaren impliziert ist. Hartmut Rosa hat diese Unmittelbarkeit anders aufgegriffen und sucht stattdessen an vielen Stellen. Aber so sind die Konzeptionen eben unterschiedlich.

Operativ haben diese Aspekte vordergründig wenig mit soziologischer Arbeit zu tun, dem das Konzept von Externalisierungsgesellschaft entspringt. Insofern sich aber die Gedanken dort dialogisch berühren, wo einfach nur gedacht wird, möchte ich sie wenigstens festhalten.

IV.

Zu ‚Externalisierungsgesellschaft und Begehren' eine Zusammenfassung:

1. Die Erkenntnisposition der Externalisierungsgesellschaft ist vor allem die der Absender im 'Global North'.

2. Aus Sicht derjenigen, welche die Folgen der Externalisierung zu erleiden haben (Global South), stellt sich die Situation eher als Unmittelbarkeit dar.

3. Es handelt sich daher sowohl um ein politisches, als auch um ein sprachliches, auf Verständnis gerichtetes Problem.

4. Die Entwicklung von Lösungsmöglichkeiten bedingt zunächst ein Verständnis auch der Situation aus der Sicht der 'Unterworfenen', der Objekte der Externalisierung.
 
5. Insofern sie selbst im Lebensvollzug jederzeit zugleich Subjekte sind, fokussiert sich das Interesse auf ganz anderes als die Ursachenzusammenhänge und Strukturen von Externalisierung. Bezüglich dieser handelt sich um verschoben Repräsentiertes (im Zusammenspiel mit verdrängender Repräsentation und verdrängtem Repräsentant = Unbewusstes in den Termen des Anti-Ödipus).

6. Unerlässlich ist, um die Zusammenhänge angemessen zu verstehen,sich auf die Ebene der und des Unterdrückten zu begeben und ein gemeinsames Band zu knüpfen ('lien social').

7. Aus solchem Zusammenhang entstehendes Feed-back würde ich vage als Resonanzen bezeichnen. Nicht im Sinne Hartmut Rosas, der stattdessen die Geistesgeschichte in diesem Zusammenhang reflektiert. Sondern im Sinn von Erfahrung.
 
8. Eine solche Erfahrung ist ohne Maß, da sie in die Geschichte des Kolonialismus beziehungsweise seiner Folgen eintaucht. Das betrifft auch die Sprache und die Möglichkeit sprachlicher Repräsentation (zwischen den aus verschiedener Perspektive Betroffenen).

9. Diesen Aspekt berücksichtigt der Roman In the Heart of the Wild Triangle. Resonances from the Kenyan-German Other (Ulrich Hermanns). Rosas Theorie der Resonanz berücksichtigt das nicht.

10. Bezieht man die ausschließlich undialektisch zu erfahrende Position von Vermittlung ein, entsteht eine andere Form von Verständnis, die Autonomie des Subjekts der Externalisierung bricht ein.

11. An solchen Stellen machen auch Grüne (Beispiel Gerhard Schick, der explizit ablehnte) einen Rückzieher. Die avancierte Psychoanalyse hat ihrerseits keinen Zugang zur marktwirtschaftlichen Ökonomie, insofern diese selbst eine unabwendbare Externalisierungsform psychischen Begehrens (Freud: Libido) ist.

12. These: Die Erscheinungsform ‚Externalisierungsgesellschaft' ist die Oberfläche dessen, was auf einer tieferen Ökonomie gründet, der des Begehrens. Lineare Ableitungen münden daher unmittelbar in sowohl makro- wie mikropolitische Implikationen, die Stellungnahmen (Positionierungen) der Menschen erfordern. Diese sind fundamental inkongruent, asymmetrisch und daher hoch politisch. Sie durchdringen Sein, Bewusstsein und Unbewusstes.

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